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En plus: Interview mit Alisa Kobzar

Alisa Kobzar wurde zur neuen Präsidentin der ÖGZM gewählt. Zum Antritt spricht sie mit uns im Interview über Möglichkeiten, Utopien und Vermittlung von Neuer Musik.

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Am 20. Februar 2026 wurde die in Kherson geborene Grazer Komponistin Alisa Kobzar zur neuen Präsidentin der ÖGZM gewählt. Sie folgt Morgana Petrik nach, die nach 15 Jahren an der Spitze des Vereins die Präsidentschaft übergeben hat und der ÖGZM weiterhin als Ehrenpräsidentin verbunden bleibt. Zum Antritt erzählt uns Alisa Kobzar, welche Visionen sie für die Zukunft der ÖGZM mitbringt.

Alisa Kobzar | Foto: Helmut Lunghammer

»Die Österreichische Gesellschaft für zeitgenössische Musik ist Plattform für KomponistInnen, MusikerInnen, MusikwissenschaftlerInnen, Kritiker und Musikfreunde.«, schreibt die ÖGZM über die ÖGZM. Inwiefern ist sie das?

Alisa Kobzar: Die ÖGZM ist in erster Linie eine performative Plattform für zeitgenössische Musik von in Österreich lebenden Komponist:innen. Durch Konzerte, Gesprächskonzerte, Interviews und Kooperationen mit Musikwissenschaftler:innen entsteht ein Raum, in dem neue Musik nicht nur präsentiert, sondern auch reflektiert wird. Dabei geht es nicht nur darum, neue Werke zu fördern, sondern auch darum, das Publikum mitzunehmen: Zuhörer:innen sollen Werkzeuge erhalten, um zeitgenössische Musik zu verstehen und sich ihr über ein bewusstes, vorbereitetes Hören zu nähern.

Wo siehst Du dahingehend auch Entwicklungspotenzial?

AK:  Ich sehe großes Potenzial in einem noch intensiveren Austausch zwischen lebenden Komponist:innen, Interpret:innen, Musikkritiker:innen und Musikwissenschaftler:innen. Besonders spannend finde ich Formate, in denen Werke bereits im direkten Dialog zwischen Komponist:innen und Interpret:innen reflektiert werden – also auch über die praktische Arbeit am Stück, über Entscheidungen im Probenprozess und über unterschiedliche Lesarten einer Partitur. Wenn diese Perspektiven anschließend mit musikwissenschaftlichen und kritischen Blickwinkeln zusammenkommen, kann daraus ein vielschichtiges Gespräch entstehen, das sich auch für das Publikum öffnet. Idealerweise entsteht so eine kommunikative Kette: Komponist:in – Interpret:in – Musikwissenschaft – Publikum.

Die Offenheit gegenüber neuen Hörerfahrungen entsteht oft schon früh – deshalb ist es wichtig, Begegnungen mit zeitgenössischer Musik bereits in jungen Jahren zu ermöglichen.

Darüber hinaus sehe ich Möglichkeiten in intermedialen Kooperationen, etwa mit Tanz, Theater oder anderen performativen Künsten. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Arbeit mit jungem Publikum und jungen Musiker:innen. Die Offenheit gegenüber neuen Hörerfahrungen entsteht oft schon früh – deshalb ist es wichtig, Begegnungen mit zeitgenössischer Musik bereits in jungen Jahren zu ermöglichen.

Wird die KI in ein paar Jahren die ÖGZM obsolet gemacht haben?

AK: Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Zwar können bestimmte Aufgaben durch KI automatisiert oder unterstützt werden, aber künstlerische Kreativität lässt sich nicht vollständig ersetzen. Die konzeptuelle Arbeit, die individuelle Perspektive und die sich ständig weiterentwickelnde künstlerische Persönlichkeit lassen sich bisher nicht reproduzieren.

Viele KI-Systeme funktionieren außerdem als „Black Box“: Man kann ihre Ergebnisse analysieren, aber der genaue Prozess bleibt oft schwer nachvollziehbar. Selbst wenn KI irgendwann tatsächlich etwas Neues hervorbringen sollte, bedeutet das nicht, dass sie die komplexen, oft auch unbewussten Aspekte menschlicher Kreativität ersetzen kann.

Gleichzeitig sehe ich durchaus praktische Einsatzmöglichkeiten. Persönlich würde ich mich freuen, wenn KI zum Beispiel den Notensatz erleichtern oder helfen könnte, Skizzen, Codes und Ideen aus verschiedenen Arbeitsprozessen übersichtlicher zusammenzuführen. Komponist:innen, die stark mit festen Regeln oder klar definierbaren Systemen arbeiten, könnten möglicherweise stärker durch KI ersetzt werden als solche, deren Arbeitsweise stark intuitiv oder konzeptuell geprägt ist.

Foto: Signe Fuglesteg Luksengard (Ultima Festival, Oslo)

Computertechnologien spielen ja auch in Deinem eigenen Schaffen eine ganz wesentliche Rolle neben der instrumentalen Komposition. Inwieweit, denkst Du, befruchten sich beide Sparten (Computermusik und instrumentale Komposition)?

AK: Für mich ist das Verhältnis ähnlich wie zwischen symphonischem und kammermusikalischem Denken: Es sind unterschiedliche Welten mit eigenen Regeln und ästhetischen Möglichkeiten, aber sie beeinflussen sich gegenseitig.

Mich interessiert besonders, wie digitale Werkzeuge selbst das kompositorische Denken prägen. In meiner künstlerischen Forschung beschäftige ich mich genau mit dieser Frage: Wie verändern Software, Interfaces und digitale Arbeitsprozesse die ästhetischen Entscheidungen von Komponist:innen?

Gleichzeitig eröffnet die Computermusik ein erweitertes Spektrum von Formaten – etwa Klanginstallationen, Soundwalks oder akusmatische Musik. Ich sehe deshalb weniger eine strikte Trennung zwischen instrumentaler und elektronischer Musik. Beide können kompositorische Praxis sein, solange sie musikalische Strukturen und Wahrnehmung bewusst gestalten.

Viele Komponist:innen suchen nach einem »Ausdruck« im musikalischen Sinne. Inwiefern kann Musik aus der Maschine für Dich ausdrucksvoll klingen und umgekehrt: Suchst Du das Maschinelle auch in Deinen instrumentalen Werken?

AK: Ausdruck entsteht immer innerhalb einer bestimmten Idiomatik. Deshalb hängt die Frage der Expressivität auch davon ab, was wir als Instrument verstehen und wer mit diesem Instrument interagiert.

Eine Geige kann zum Beispiel als Resonanzkörper dienen, während der eigentliche Klang über einen Transducer erzeugt wird. Ebenso könnte ein Roboter ein Instrument spielen und dabei seine eigenen idiomatischen Bewegungsmuster entwickeln – ähnlich wie menschliche Musiker:innen, nur mit anderen physischen Möglichkeiten und Einschränkungen.

Wenn man eine Maschine also als Instrument oder sogar als Performer begreift, lassen sich auch spezifische expressive Kategorien für sie entwickeln. In meinen eigenen Arbeiten interessiert mich besonders die Grenze zwischen menschlicher und maschineller Performance und die unterschiedlichen Möglichkeiten, die beide mit sich bringen.

Spiegelt die Kunst den Zeitgeist einer Gesellschaft wider oder anders gefragt: Braucht das Zeitgenössische Zeitgeist?

AK: Unsere Welt ist komplex, schnell und oft widersprüchlich. Unser Verständnis davon bleibt häufig fragmentarisch oder oberflächlich. Die Aufgabe von Kunst ist für mich deshalb nicht nur, den Zeitgeist zu spiegeln, sondern auch neue Perspektiven zu eröffnen und tiefere Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Entscheidend ist für mich, dass das Publikum Möglichkeiten bekommt, sich auf das Werk einzulassen.

Gleichzeitig kann Kunst nicht völlig unabhängig von ihrer Zeit existieren. Selbst wenn ein Werk zeitlose Themen behandelt, braucht es oft einen Bezugspunkt im Zeitgeist, um für Menschen zugänglich zu bleiben. Viele Komponist:innen stehen daher in einem Spannungsfeld zwischen zeitgenössischen Einflüssen und einer gewissen künstlerischen Autonomie.

Inwieweit kann die ÖGZM auch jenen Werken Neuer Musik eine Bühne bereiten, die sich vielleicht schwer in die Moden des Marktes kategorisieren lassen und die gerade nicht en vogue sind?

AK: Gerade dafür ist die ÖGZM ein wichtiger Ort. Durch Kooperationen mit verschiedenen Institutionen können sehr unterschiedliche Formate präsentiert werden. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem KULTUM in Graz, die auch hybride Formen wie Klanginstallationen mit performativer Führung, Soundwalks oder akusmatische Musik einschließt. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass viele dieser Formate ebenfalls eine performative Dimension haben: Eine Installation ist nicht nur ein räumliches Objekt, sondern wird häufig durch Interpret:innen aktiviert oder ausgeführt. Der Performer bleibt also eine zentrale Figur – nicht nur im klassischen Konzertformat, sondern auch in erweiterten musikalischen Situationen.

Viele zeitgenössische Werke lassen sich ohnehin schwer in klare Kategorien einordnen. Solange Musik eine performative Dimension hat und eine Begegnung mit Publikum ermöglicht, kann die ÖGZM dafür eine Plattform bieten.

Die ÖGZM beanspruchte stets für sich, stilistische Offenheit in ihren Konzertprogrammen zu kultivieren. Aber was ist das eigentlich bzw. wie würdest Du eine solche definieren?

AK: Zeitgenössische Musik hat viele Gesichter. Stilistische Offenheit bedeutet für mich, diese Vielfalt sichtbar zu machen und ernst zu nehmen. Wichtig ist dabei nicht nur die Präsentation unterschiedlicher Ansätze, sondern auch ihre Vermittlung. Wenn Werke in einem verständlichen Kontext präsentiert werden, können Zuhörer:innen leichter Zugang zu ihnen finden.

Foto: Signe Fuglesteg Luksengard (Ultima Festival, Oslo)

Was macht ein gutes Konzert aus?

AK: Ein gutes Konzert entsteht dann, wenn eine echte Verbindung zwischen Werk, Interpret:innen und Publikum entsteht. Das muss nicht bedeuten, dass das Publikum sich immer „wohlfühlt“. Zeitgenössische Musik kann auch irritieren oder herausfordern.

Entscheidend ist für mich, dass das Publikum Möglichkeiten bekommt, sich auf das Werk einzulassen. Wenn Zuhörer:innen das Gefühl haben, etwas Neues verstanden oder entdeckt zu haben, entsteht oft eine besondere Form von Freude – selbst bei komplexer oder ungewohnter Musik.

Welche Utopie wäre für die Szene der Neuen Musik in Österreich besonders wünschenswert?

AK: Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen zwischen etwa 15 und 40 Jahren zeitgenössische Musik als Teil ihres kulturellen Lebens entdecken. Im Moment besteht das Publikum oft aus Fachleuten oder Menschen mit persönlichem Bezug zu den Musiker:innen.

Viele Menschen in diesem Alter sind stark mit dem Aufbau ihres eigenen Lebens beschäftigt. Deshalb muss zeitgenössische Musik neue Wege finden, sichtbar zu werden – vielleicht auch über digitale Formate oder kurze visuelle Inhalte, die Aufmerksamkeit wecken. Wichtig ist jedoch, dass der Besuch eines Konzerts nicht als Pflicht oder Tradition empfunden wird, sondern als persönliches Bedürfnis, innezuhalten und sich intensiv mit Kunst auseinanderzusetzen.

Herzlichen Dank für das Interview!

(ChR)

Biografie

Alisa Kobzar (*1989 in Kherson, Ukraine) ist Komponistin und Medienkünstlerin. Ihre Arbeiten umfassen instrumentale, elektroakustische, multimediale und interaktive Kompositionen.  Sie studierte Komposition und Musiktechnologie in Kiew sowie Computermusik und Klangkunst an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (IEM), wo sie 2026 ihr Masterstudium mit Auszeichnung abschloss und in künstlerischen Forschungsprojekten tätig war. Seit 2019 ist sie Mitgründerin des Multimedia-Duos rotkäppchen (mit der Tänzerin und Choreografin Lisa Mc Guire), das interaktive Performances an der Schnittstelle von Tanz, elektronischer Musik, Visuals und interaktiven Systemen entwickelt. Ihre Werke wurden international in Europa, den USA und Japan aufgeführt, u. a. bei Festivals und Institutionen wie Musikprotokoll Graz, Ultima Festival Oslo, ZKM Karlsruhe und Klangspuren Schwaz. 2024 erhielt sie das Österreichische Staatsstipendium für Komposition. Sie lebt und arbeitet in Graz.

alisakobzar.mur.at

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